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Zu wenig Auszubildende, zu wenig Fachkräfte, zu wenig Wertschätzung

Fachkräftemangel im Handwerk: Ein Studium ist heute Pflicht, Handarbeit, die lohnt sich nicht!

Handwerk-Fachkräftemangel-Studium

Auch im Handwerk fehlen die Fachkräfte. Einst sagte man ihm nach „goldenen Boden“ zu haben, doch heute locken Bachelor- und Master-Abschlüsse den Nachwuchs mehr, als handwerkliche Tätigkeiten. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) beklagt aktuell 150.000 offene Stellen, die nicht besetzt werden können und verlangt „mehr Wertschätzung“.

Man könnte es leicht sarkastisch als klassisches „First World Problem“ bezeichnen, wenn Hausbesitzer 8 Wochen und mehr auf Fliesenleger, Maurer, Zimmerleute, Anstreicher oder Dachdecker warten müssen, weil deren Auftragsbücher voll sind und es an Nachwuchs mangelt. Doch zusammen mit dem Lehrermangel, Pflegefachkräftemangel, dem It-Fachkräftemangel und diversen weiteren Mängeln an Arbeitskräften offenbaren sich gesellschaftlichen Versäumnisse der letzten 30 bis 40 Jahre.

Für den Handwerkermangel macht der ZDH die rückläufigen Schulabgängerzahlen verantwortlich sowie die Entwertung handwerklicher Berufe und die gleichzeitige Akademisierung der Arbeitswelt.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks fordert:

“Einer beruflichen Ausbildung muss wieder die Wertschätzung unserer Gesellschaft entgegengebracht werden, die ihr gebührt.”

Somit stößt auch das Handwerk ins gleiche Horn, wie beispielsweise Pflegeverbände oder Lehrerverbände, die das Wort „Wertschätzung“ häufig bemühen – zu Recht!

Das Bild des Handwerkers

Handwerker waren für viele Deutsche die Bauarbeiter, die sich gerne auch mal ein paar Bier in der Pause gönnen, Monteure, deren Rechnungen immer viel zu hoch waren und Fliesenleger, deren Arbeit ja eigentlich auch Onkel Günter hätte machen können.

Fast schon schizophren koexistiert in den Köpfen das Bild der harten Arbeit für kargen Lohn, von Kaputtmalochten Rücken und Halsbrecherischen Tätigkeiten auf Dachsimsen, frühes Aufstehen und ackern bei Wind und Wetter.

Fatal: die Mischung mitleidiger Bewunderung und Nichtwertschätzung der Leistung bereitete den Boden für die mangelnde Attraktivität handwerklicher Berufe. Auf diesem konnte dann die Akademisierung fußfassen. Getreu dem Motto:

Ein Studium ist heute Pflicht, Handarbeit, die lohnt sich nicht!

Früher, als die Volksschule noch genug Bildung vermitteln konnte, um Menschen fit für den Alltag zu machen und man mit 14 Jahren in die Lehre gehen konnte, war ein Besuch des Gymnasiums unüblich und ein Studium schlichtweg für die meisten Menschen finanziell nicht zu schultern – und gesellschaftlich auch nicht notwendig.

An letzterem hat sich in all den Jahren zwar nur bedingt etwas geändert, doch der Glaube an die Notwendigkeit, unbedingt einen akademischen Abschluss machen zu müssen wuchs ungemein. Zu Beginn dieser Entwicklung war ein Studium von Kindern aus der Arbeiterschicht Sinnbild des Aufstieges und der Beweis für die Eltern, Ihren Sprösslingen ein besseres Leben ermöglichen zu können, als sie es selbst hatten.

Elitär und prestigeträchtig sind Abitur oder Studium jedoch schon lange nicht mehr. Vielmehr ist in den Köpfen der Menschen ein Abitur mitunter Mindeste, was man im Leben erreichen sollte, bevor man sich dann mit Ende 20, Anfang 30 ins Berufsleben stürzt.

Eine sträflich verfehlte Bildungspolitik, die sukzessive Leistungsstandards minderte und so Bildungsabschlüsse entwertete, führte zusätzlich dafür, dass die Hörsäle ab der Jahrtausendwende aus allen nähten platzten.  Abitur für alle und Studium für jeden – am Bedarf vorbei, der Gesellschaft zum Nachteil.

„Also erstmal studieren“

Zusätzlich schadet der moderne Trend zur Unverbindlichkeit dem Handwerk enorm. Wer will sich denn schon mit einem Hauptschulabschluss in die Lehre zum Schreiner verabschieden, wenn er sich doch alle Möglichkeiten offenhalten kann? Ein solider Hauptschulabschluss war früher absolut bedarfsgerecht für eine Lehre in handwerklichen Berufen und es musste sich auch niemand dafür schämen.

Zu Recht fordert der Zentralverband des Deutschen Handwerks:

“Wir brauchen eine ausgewogene Balance von beruflich wie akademisch Ausgebildeten, sonst wird das Fundament unserer Wirtschaft brüchig.”

Die Gretchenfrage lautet: Wie soll das erreicht werden, angesichts einer nicht gerade als flexibel, innovativ und reformorientiert geltenden deutschen Gesellschaft?

Wenn alle sich selbst wertschätzen…

Wertschätzung erfährt nur etwas, mit dem man sich bereit ist auseinanderzusetzen, Zeit zu investieren, darin einzutauchen. Der offiziell gesellschaftlich anerkannte Hang zum Individualismus fordert dem Menschen jedoch viel zu oft ab, sich mit eigenen Problemen auseinanderzusetzen. Wir sind also alle schwer damit beschäftigt, uns und unser Tun wertzuschätzen. Gleichzeitig würden wir jedoch gerne für das, was wir Arbeit nennen, Anerkennung von anderen erhalten – In Worten, in Taten und bisweilen auch in klingender Münze.

Doch solange die Gesellschaft den Kauf von geschmacklosem Billigstschweinefleisch und Aufbackbrötchen vom Discounter toleriert, während ein Automobil mitunter besser gepflegt wird als ein Familienmitglied, wird ehrliche „Wertschätzung“ für handwerkliche Berufe so selektiv bleiben, wie in allen anderen Berufen auch.

Quelle(n): 1;2

Deine Meinung zum Thema Fachkräftemangel im Handwerk

Nun schlagen also auch die Handwerksverbände Alarm und rufen den Fachkräftemangel aus (mal wieder). Was denkst du: Welche Lösungsansätze würden wirklich gegen den Fachkräftemangel im Handwerk und oder in anderen Branchen helfen?


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